Tour de Skiathos – Tag 6
Igls – Brenner – Sterzing – Brixen
87 km, 1480 Höhenmeter. Schnitt 20 km/h
Igls. Frühstück. Wieder einmal dieser grandiose Ausblick.
Man schaut raus und denkt sich kurz: Wahnsinn. Dann fällt einem ein, dass gleich wieder Haus und Hof zusammengepackt und auf die Bikes geschnallt werden müssen.
Wie jeden Morgen.
Taschen hier, Kabel da, Helm suchen, irgendwas fehlt immer.
Die Bikes sehen inzwischen aus wie fahrende Zwei-Zimmer-Wohnungen.
Dann Abfahrt.
Wobei „Abfahrt“ erstmal relativ ist.
Denn wie nicht anders zu erwarten ging’s direkt wieder bergauf.
Umleitungen?
Natürlich bergauf.
Alternative Strecke?
Noch mehr bergauf.
Klar war: Heute stehen die legendären 35 Kilometer über den Brenner an.
Der Anfang wie immer brutal. Beine schwer, Kopf diskutiert bereits nach wenigen Minuten mit dem restlichen Körper.
Danach dann „leichter Anstieg“ über etwa 25 Kilometer.
Leicht ist allerdings Definitionssache.
Wir kommen dem höchsten Punkt unserer Reise immer näher.
Brenner. Landstraße. Lieben wir.
Als ob unser geliebtes Österreich unsere Abreise nicht wahrhaben möchte, beginnt plötzlich der Himmel zu weinen.
Nieseln. Wind. Kälte.
Hält uns natürlich nicht auf.
Wir treten unerbittlich rein.
Austria wehrt sich.
Zum Anstieg packt Österreich dann auch noch Gegenwind aus. Einfach weil’s geht.
Aber wir können und dürfen uns auf dem Weg zu unserem Ziel nicht aufhalten lassen.
1450 Meter Höhe.
6,5 Grad.
Wind.
Nieselregen.
Und irgendwo direkt vor uns: Italien.
Da ist es ja warm.
Oder wehrt sich Italien vielleicht auch schon gegen uns?
Keine Chance.
Die Alpen schaffen uns nicht.
Wir schaffen die Alpen.
Frei nach Chuck Norris.
Wetter? Egal.
Straßenbauämter mit ihren kreativen Umleitungen? Egal.
Aufgeben ist keine Option.
Irgendwann dann Sterzing.
Kaffee.
Noch ein Kaffee.
Es regnet weiter.
Und wie so oft entstehen genau dann die besten Gespräche.
Nach fünf Minuten gab’s wieder rege Unterhaltung mit den Tischnachbarn um uns herum. Viele gute Wünsche. Viel Gelächter. Unter anderem Leute aus Heilbronn.
Genau solche Begegnungen machen diese Reise aus.
Dann weiter Richtung Brixen.
Nur noch bergab.
Dachten wir.
Und plötzlich fällt uns wieder ein:
Da fehlen ja noch ungefähr 400 Höhenmeter.
Für uns Teilzeit-Profis natürlich ein absoluter Witz.
Der Hintern ist inzwischen übrigens so sehr als eingebautes Körperteil akzeptiert, dass man ihn kaum noch wahrnimmt. Fast schon symbiotisch.
Die Abfahrten sind teilweise durchaus abenteuerlich.
Aber halt auch brutal geil.
Und immerhin:
Je weiter wir nach unten und Richtung Süden fahren, desto wärmer wird’s langsam.
Unterwegs treffen wir immer wieder komplett normale Menschen. Also Menschen, bei denen man sich fragt, was eigentlich mit denen nicht stimmt. Leute, die einfach mal mit dem Fahrrad über die Alpen fahren.
Eine Frau sogar alleine.
Mit einem Specialized Gravelbike vom Bodensee bis an den Gardasee. Krass.
Respekt.
Und völlig verrückt:
Sie landet am Ende sogar im selben Hotel in Brixen wie wir.
Erwähnenswert wäre natürlich auch wieder die obligatorische Odyssee der letzten fünf Kilometer.
Irgendwas ist immer mit den Griechen.
Aber irgendwann stehen wir dann tatsächlich vor dem Hotel.
Und das ist wirklich sehr geil.
Endlich sitzen.
Biergarten. Aussicht genießen.
Bier für André.
Und ich?
Wir sind in Italien. Ich trinke Wein.
Verdauungsseitig deutlich sinnvoller als Weißbier.
Und Berge.
Immer noch Berge.
Jetzt ist aber auch langsam mal gut mit diesen Bergen.
Danach erstmal 20 Minuten unter die Regendusche.
Duschen kann wirklich glücklich machen.
Heute übrigens keine Außentermine hinsichtlich der Zuführung von Kalorien in fester Form.
Wir bleiben im Hotel.
Hier kennt uns inzwischen jeder.
Sind ja auch schon seit drei Stunden da.
Kulinarisch heute absoluter Champions-League-Abend:
Wunderbares Beef Tatar.
André ein Ribeye.
Dazu Cheeseburger mit zweierlei Spargel.
Richtig stark.
Und jetzt sitzen wir hier und schreiben diesen Bericht.
Morgen und übermorgen erwarten uns quasi Ruhetage.
Insgesamt nur etwa 100 Kilometer.
Mein Knie wird’s mir danken.
Nachtrag:
Fast hätte ich das Wichtigste vergessen.
Diese Landschaft.
Unfassbar.
Man kann das aus dem Auto niemals so erleben oder erfassen.
Diese Berge. Diese Täler. Diese Straßen. Diese Dimensionen.
Beeindruckend. Ehrfurcht.
Mit einer gewissen Demut und vor allem großer Dankbarkeit, das alles erleben zu dürfen.
Und genau deshalb jetzt wirklich:
Gute Nacht.
Bis morgen.