TorTour de Skiathos – Etappe 9
Trento – Bassano del Grappa
Es ist Tag 9.
Tag 9 und wir sind immer noch in der Spur. Von Trient nach Bassano del Grappa, im Anflug auf Venedig. Wer hätte das gedacht? Wir wollen das selbst auch nicht so recht beantworten. Wir fragen uns mittlerweile regelmäßig, ob das hier tatsächlich real ist.
Nun gut. Der Tag beginnt mit motivierenden Wetterprognosen. Der Blick aus dem Frühstückswintergarten ist grandios, verheißt aber absolut nichts Gutes. Die Sonnenbrandgefahr liegt definitiv weit unter Null. „Ihr müsst Sonnencreme mitnehmen“, haben sie gesagt. Neoprenanzüge und Taucherbrillen hätten es heute vermutlich auch getan.
Vor der Abfahrt fährt noch eine lustige Mountainbiker-Gruppe am Hotel vorbei und grüßt freundlich, genau als wir uns in die Pedale begeben wollen. Technical Issue. Andrés Kettenschutz wollte spontan nicht mehr mitfahren. Grundsätzlich können solche Jammerlappen gerne zuhause bleiben, mit Regenhosen und Regenstulpen ist ein fehlender Kettenschutz allerdings doch eher unpraktisch. Also Taschen auf, Werkzeug raus, passenden Inbus suchen – jaaa, es heißt Inbus. „Im Bus“ wäre es uns zehn Minuten später definitiv lieber gewesen. Fixed und fertig. Los geht’s.
Es geht endlich wieder den Berg hoch. Das hat uns schon ein bissel gefehlt. Was uns außerdem noch gefehlt hat, war Regen. Und schon war dieser wieder da. Klamotten an, wir sind gewappnet. Berg hoch. Regen. Es wird windiger. Und kälter. Und es regnet. Dieses Wetter sollte uns fast 95 Kilometer begleiten.
Egal. Berg. Hoch!
Nach nur etwa 20 Kilometern wird die Strecke flacher. Immer wieder begegnen wir unseren Mountainbikern aus NRW. Lustige Typen. Die machen jedes Jahr mehrere 3- bis 5-Tages-Touren. Komische Leute halt. Warum macht man sowas freiwillig?
Es regnet. Wir fahren.
Der Spaß hält sich inzwischen durchaus in Grenzen, denn es regnet wirklich in Strömen. Und es ist windig. Gegenwindig. Immerhin gibt’s etwas Abwechslung. Eine Unterführung. Mit Treppen. Jo. Also erstmal ungefähr 50 Kilo Fahrrad samt Gepäck heil herunterbugsiert. Komoot hat das als Problem gemeldet. Den Regen eher weniger.
Weiter.
Wir fahren.
Und plötzlich wird die Landschaft komplett irre. Valbrenta. Eine kilometerlange Schlucht, teilweise nebelverhüllt. Tief. Nicht nur fast bedrohlich. Eine dramatische Landschaft. Wir haben uns ernsthaft gefragt, ob und wie man hier leben kann. Hier gibt es vermutlich zweimal im Jahr Sonnenlicht. Aber gleichzeitig ist es unfassbar schön. Bedrohlich schön.
Hab ich eigentlich erwähnt, dass es regnet?
Wir fahren weiter. Nichts kann uns aufhalten. Erreichen wir jemals wieder Zivilisation? Wollen wir das überhaupt noch? Es ist mal wieder kaum zu beschreiben. Doch langsam stellen sich konträre Bedürfnisse ein: Durst und Rappel.
Kann uns das aufhalten? Nein!
Oder vielleicht doch?
Eine Fata Morgana?
Aus dem absoluten Nirvana taucht plötzlich eine Ansammlung von Regenschirmen mit der Aufschrift „Augustiner“ auf. Vermutlich wetterbedingte Halluzinationen.
Was ist das?
Ein Biergarten.
Mitten im Nichts.
Irgendwo zwischen Jugendherberge und Titty Twister Bar. Wir nutzen die Gelegenheit und kaufen Kaffee. Und Bier. Vorsichtshalber direkt zwei Bier. Drinnen saßen stehende Leute…
Ups. Jetzt hab ich den falschen Text.
Der Inhaber erzählt mir irgendwann, nachdem ich die Kaltgetränke an entsprechender Stelle wieder warm zurückgegeben hatte, dass er sechsmal die Rallye Monte Carlo gefahren ist. Zumindest habe ich das so verstanden. Das erklärt auf jeden Fall die Fotos und Pokale überall.
Jetzt aber heim. Also Endspurt nach Bassano.
Schwupps. Da.
Ein Radfahrerhotel. Wir haben erfahren, hier steigen Legenden ab. Na dann.
Hunger.
Und wir haben inzwischen gelernt, dass Wege zum Restaurant grundsätzlich auch wieder heimwärts zurückgelegt werden müssen. Die Entscheidung fiel deshalb auf die Bar in exakt 27 Metern Entfernung. Ist auch weit genug.
Also Bruschette, vino bianco e Grappa. E vino bianco e Grappa.
An der Bar mit meinem rudimentären Italienisch Einheimische kennengelernt. Es ging um Grappa und darum, wie bescheuert man eigentlich sein muss, bei diesem Sauwetter freiwillig mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Naja. Ist ja nicht mehr weit. Aber vielleicht ging es auch um Vergaser oder Parmesan. Mein Italienisch ist ausbaufähig.
Unsere neugewonnenen italienischen Freunde hatten jedenfalls einen riesigen Spaß mit uns. Ich habe zwar fast nichts verstanden, aber es war unglaublich herzlich.
Sie haben Stil. Sie sind herzlich. Man muss Italiener einfach mögen.
Sie können halt nicht kicken. 🤣
Unter den Arkaden läuft weiterhin Rock’n’Roll. Led Zeppelin, Dire Straits, Elvis, REO Speedwagon und alles in einer Lautstärke, die nur noch von der normalen italienischen Gesprächslautstärke übertroffen wird. In Deutschland wäre längst die Rennleitung auf dem Plan.
Es ist inzwischen 0:30 Uhr und wir sitzen immer noch hier.
Wir lieben Italien.
Nur nicht das Wetter.
Morgen soll es ähnlich gut werden.
So, jetzt aber schnell ins Hotel. Das Haus direkt nebenan. Mit Basso Bike Store. Es ist schließlich auch ein offizielles Basso Bike Club Hotel. Wirklich cool.
André und Frank on the way.
Für uns ist das hier schon lange episch.